Schön, wenn man das umsetzt, was man lehrt. Oder wie es im Englischen heißt: practice what you preach. Das sollte selbstverständlich sein, ist es aber nicht. Ich zum Beispiel unterrichte Storytelling. Diese Seminare sind ziemlich beliebt, denn viele Marketing-Abteilungen denken sich wohl: Storytelling, das klingt irgendwie gut und vielleicht sollten wir das mal ausprobieren. Ich selbst habe aber gar nicht so oft Gelegenheit, Storytelling auch mal in der Praxis anzuwenden.

In meinen Storytelling-Seminaren fasziniert mich folgendes Phänomen: So gut wie alle Seminarteilnehmer*innen sagen in dem Moment, in dem sie selbst kreativ werden sollen: „Ach naja, ich bin nicht so kreativ.“ Nur um kurze Teit später über sich selbst zu staunen. Ich werfe Ihnen nämlich ein paar willkürlich ausgewählte Begriffe hin, sowas wie „Paprika, Schuh, Baseballschläger, Flugzeug und Sonnenschirm.“ Und siehe da: Bisher hat jede*r eine ziemlich gute Story daraus gemacht. Allein oder in einer kleinen Gruppe.

Es ist nämlich so, dass das menschliche Gehirn quasi dafür gemacht ist, logische Lücken zu füllen. Und es kostet uns recht wenig Anstrengung, eine Verbindung zwischen Paprika und Schuh zu finden. Im Gegenteil, wir fühlen uns regelrecht befeuert, einen solchen Zusammenhang herzustellen. Das ist wie ein Trigger für unser Gehirn. All die Möglichkeiten! Die Paprika könnte am Schuh kleben und im Flugzeug durch die Welt reisen. Oder der Schuh könnte die Form einer Paprika haben (man kennt ja diese lustigen Hausschuhe). Oder hat sich etwa jemand zum Fasching als Paprika verkleidet? Und trägt nur einen Schuh – und einen Baseballschläger, um sich den Weg freizukämpfen ins Flugzeug, denn der Platz an der Sonne ruft?

Wie man sieht, gehen die Pferde bzw. die Paprikas gerade mit mir durch. 🙂 Und genau das ist der Effekt: Das ist bei den meisten Menschen so. Vorausgesetzt, sie bekommen genug Zeit, denn Zeit ist die wichtigste Voraussetzung, um kreativ zu sein.

Und dann werden Geschichten auch noch tip-top vom Gehirn erinnert – 22x besser als Fakten! Auch deshalb sind sie im Marketing so beliebt.

Und nun die schlechte Nachricht: Leider ist der Mut zu Storys im deutschen Marketing sehr begrenzt. Die meisten Unternehmen glauben – entgegen eigenen Beteuerungen – halt insgeheim doch an die Kraft sorgfältig aneinandergereihter Fakten. Momentan habe ich Glück: Ich schreibe einen Blogtext als Story und ein Fachbuch. Im Blogtext werden die Botschaften des Vertriebs geschickt in einer Story verpackt. Und beim Fachbuch erzählt der Autor, wie er in seinem Unternehmen ein IT-Projekt umgesetzt hat. Was er dabei erlebt hat, ist nämlich mindestens so spannend wie die technischen Details. Naja, und wo ich gerade so dabei bin, merke ich, wie viel Spaß das eigentlich macht und wie motiviert ich dabei bin.

Dieser Aspekt wird vielleicht unterschätzt: Storytelling macht Spaß – beim Lesen genauso wie beim Schreiben.

Photo by Robyn Budlender on Unsplash 

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